Zweiter Report: Anstieg der Mobilität

In unserem ersten Bericht vom 5. April haben wir eine klare Verringerung der Mobilität in Deutschland festgestellt, die sich auf einem Niveau von -39% weniger Bewegung als normal stabilisiert hat.

Seitdem sind Stimmen lauter geworden die für eine Lockerung der Beschränkungen plädieren, auch da die Zahlen an Neuinfektionen in jüngster Zeit sinken. Experten diskutieren über Exit-Strategien und das Verlangen vieler Menschen zur Normalität zurückzukehren steigt.

Seit unserem letzten Bericht haben wir die Mobilität genau verfolgt. Sind die Menschen immer noch diszipliniert und die Mobilität auf dem niedrigen Niveau? Oder sehen wir eine Zunahme?

Allgemeine Mobilitäts-Trends

In unserer aktualisierten Grafik zur allgemeinen Mobilität in Deutschland sehen wir eine langsame Zunahme der Bewegungen seit Ende März. Es gibt einige Fluktuationen, aber der allgemeine Trend scheint klar: Die Mobilität steigt an.

Der ansteigende Trend wird deutlich sichtbar wenn wir die Mobilität wochenweise betrachten. In der Woche vom 23. bis 29. März war die Mobilität auf -39% unter das Normalniveau gesunken, der bisherige Tiefstand. Im April ist die Mobilität dann langsam gestiegen. In der aktuellsten Woche (6.-12. April) lag die Mobilität nur noch -27% unter dem Normalniveau.

Anzumerken ist, dass der 10. April ein Feiertag in Deutschland war (Karfreitag) und darum eine ungewöhnlich geringe Mobilität hatte. In unserer Berechnung der Durchschnitts-Mobilität für die Woche haben wir ihn daher nicht berücksichtigt. Wenn wir ihn mit einbeziehen lag die Mobilität -32% unter dem Normalniveau.

Ein sehr interessantes Muster zeigt sich, wenn man Wochenenden mit Werktagen vergleicht: Fast im gesamten März war die Abnahme der Mobilität an Wochenenden stärker als an umliegenden Werktagen. An Wochenenden fielen also überproportional viele Bewegungen aus.

Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass an Wochenenden mehr optionale Bewegungen stattfinden, auf die als Erstes verzichtet wurde: Freizeitaktivitäten, Treffen mit Freunden und Bekannten, oder Reisen. Möglicherweise haben Leute auch Bewegungen unter die Woche verlegt, um soziale Kontakte zu vermeiden - beispielsweise den Einkauf im Supermarkt. All dies würde dazu führen, dass sich die Mobilität am Wochenende stärker verringert als unter der Woche.

Seit Kurzem hat sich der Unterschied Wochenende/Werktag jedoch aufgelöst: Ab dem Wochenende vom 4. und 5. April ist die Abnahme der Mobilität an Wochenenden und Werktagen gleich. Dieser Ausgleich könnte darauf hindeuten, dass viele Menschen ihre “optionalen” Bewegungen wieder aufnehmen. Es könnte sich auch um Nachholeffekte handeln, beispielsweise um notwendige Erledigungen die aufgeschoben wurden. Insgesamt scheint es dass speziell die Mobilität an Wochenenden ein wichtiger Indikator dafür ist, wie sich Menschen selbst in ihrer Mobilität einschränken.

Risiko-Wahrnehmung und Mobilität

Was ist der Grund für den jüngsten Anstieg der Mobilität? Eine mögliche Rolle darin spielt die Risiko-Wahrnehmung in der Bevölkerung. Wenn Menschen denken, dass die Gefahr durch Covid-19 sinkt könnten sie auch in ihren Bewegungseinschränkungen nachlassen.

Wir vergleichen dazu unsere Daten mit den Ergebnissen der COSMO-Studie, einer wöchentlichen Umfrage zur Risikowahrnehmung der Deutschen und anderer Themen rund um Covid-19.

Es zeigt sich eine deutliche Korrelation zwischen der Mobilitätsreduktion in Deutschland und der Zustimmung zu Aussagen wie “Ich finde die Maßnahmen, die derzeit ergriffen werden, stark übertrieben” (r=0.95, p<0.01). Seit sich Menschen weniger Sorgen machen um die Gefahren von Covid-19 nimmt die Mobilität zu. Dieses Ergebnis ist wichtig, beispielsweise für die Frage, wie die Risiken von Covid-19 durch öffentliche Stellen kommuniziert werden sollten.

Korrelation mit Fallzahlen

Ein weiterer interessanter Zusammenhang ist, dass die Mobilitätsreduktion scheinbar von den lokalen Fallzahlen abhängt: Je mehr Fälle von Covid-19 in einer Region auftreten, umso stärker ist der Mobilitätsrückgang. Dazu vergleichen wir die Abweichung der Mobilität in der Woche 23.-29. März mit den gemeldeten Fällen bis zum 29. März.

Wir messen eine Korrelation zwischen Mobilität und Fallzahlen auf allen räumlichen Ebenen: Auf dem Level von Landkreisen (NUTS 3), Bezirken (NUTS 2) und Bundesländern (NUTS 1). Auf der Ebene von Bezirken liegt die Pearson-Korrelation bei -0.56 (p=0.0002).

Der stärkere Mobilitätsrückgang in Gegenden mit hohen Fallzahlen kann mehrere Gründe haben. Eine Rolle spielen sicher die lokalen Unterschiede in der Einschränkung der Mobilität, beispielsweise die stärkeren Ausgangsbeschränkungen in Bayern. Allerdings sind viele Richtlinien deutschlandweit einheitlich vorgegeben, so dass dies nur eine Teilerklärung sein kann.

Eine wichtige Rolle spielt vermutlich die lokale, persönliche Wahrnehmung von Covid-19: Je mehr Fälle in einer Region auftreten, desto bedrohlicher nehmen die Menschen Covid-19 wahr, und desto stärker schränken sie ihre Mobilität ein. Diese Erklärung deckt sich auch mit dem oben gezeigten Zusammenhang zwischen Mobilitätsreduktion und Risikowahrnehmung.

Zusammenfassung

Die Mobilität in Deutschland nimmt langsam zu. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Mobilität seit dem niedrigen Niveau von -39% Ende März auf etwa -27% unter Normalniveau in der zweiten Aprilwoche erhöht hat.

Da sich in diesem Zeitraum die gesetzlichen Mobilitätsbeschränkungen kaum verändert haben liegt der Grund für den Anstieg der Mobilität vermutlich im Nachlassen der Selbst-Beschränkungen von Personen: Die Menschen unternehmen wieder mehr Bewegungen, die sie zunächst ausgelassen haben. Dafür spricht auch die steigende Mobilität an Wochenenden.

Zu den Gründen für das Nachlassen der Selbst-Beschränkungen zählen vermutlich eine verringerte Risikowahrnehmung in der Bevölkerung, gepaart mit einem Absinken der Fallzahlen von Covid-19.

In den nächsten Wochen erwarten wir eine langsame Lockerung der Mobilitätsbeschränkungen. Wir werden weiter gespannt beobachten wie sich das auf die Mobilität in Deutschland auswirkt.